Flicts- eine Farbe sucht Freunde

Ein Kinderbuch wird zum Rezitativ und mündlich überliefert

Das Buch Flicts behandelt das Thema Ausgrenzung und ist von dem brasilianischen, sozialistischen Illustrator Ziraldo 1969, in den bleiernen Jahren der Militärdiktatur, geschrieben und illustriert worden. Flicts behandelt das große Lebensthema des Autors, der mit seinen Comics und Illustrationen dem Regime in Brasilien im Weg war. Im Jahr 2013 ist es in Deutschland auf den Markt gekommen und wurde auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Das Buch ist nicht nur vom Inhalt her für diese Auseinandersetzung geeignet. Es hat auch eine Textform, die für die mündliche Überlieferung förderlich ist: Der Text ist rhythmisch, hat keine verschachtelten Sätze und zentrale Worte wiederholen sich.
Auf der  Internetseite des Verlagshauses Jacoby & Stuart, welches das Buch in Deutschland publiziert, findet sich folgende Inhaltsbeschreibung: Die Regenbogenfarben wollen Flicts nicht zum Freund haben, zu den Blumen im Garten passt er nicht, die Farben für die Länderflaggen sind schon alle vergeben, die Buntstifte in der Schule rümpfen über ihn die Nase, Himmel und Meer kleiden sich in immer neue Farben, aber keine davon passt zu ihm. Traurig wandert Flicts von Station zu Station, doch niemand will mit ihm zu tun haben. Endlich verschwindet er von der Erde, doch er weiß jetzt, wo er hingehört: Der Mond, verrät uns Neil Armstrong, ist Flicts.“

Es ist anzunehmen, dass Kinder in Brasilien – dort ist das Buch so bekannt, wie hierzulande „Die kleine Raupe Nimmersatt“– den Text häufig auswendig können, da er für eine mündliche Überlieferung geeignet ist. Das Thema ist mithilfe von Farben abstrakt illustriert. Dies wiederum lässt eine komplette Übertragung auch an ihre Grenzen stoßen. So sucht Flicts beispielsweise Arbeit und möchte als Farbe in einer Flagge dienen. Dabei lernen die Kinder die Flaggen fremder Länder kennen. Diese Illustration ist mündlich nicht möglich. Die Illustration im Buch macht auch deutlich, dass ein sich drehender Farbkreis immer blasser wird – auch dies kann mündlich nicht weitergeben werden. Die mündliche Überlieferung mit den Gesten erlaubt wiederum Erfahrungen, die die Illustration nicht möglich macht. So wurden die Kinder „auf der ersten Seite des Buches“ schon emphatisch mit Flicts. Außerdem kann ein auswendig gelernter Text immer wieder genutzt werden; er braucht kein Material.
Die Vermittlung eines langen, für alle fremden Textes ist eine Herausforderung.

Die Kinder sollen die Geschichte von Flicts kennenlernen und anhand der Methode "auf ihren Körper schreiben" und verinnerlichen.
Die Teilziele orientieren sich dann an den Textabschnitten, die durch weitere Aspekte ergänzt werden:

  1. Farben,
  2. Überflüssig-Sein,
  3. Fremdsein und
  4. in einer Gemeinschaft seinen Platz finden.

Flicts im Kindergarten

Die Kinder sollen aber unabhängig von dieser Frage die Ganzheitlichkeit des menschlichen Daseins konkret erfahren. Der Text wird anhand von Bewegungsabläufen erlernt und soll so im Leibgedächtnis verankert werden. Das Zusammenwirken von Körperarbeit und intellektueller Arbeit soll den Kinder helfen, sich zu sammeln um Aufmerksamkeits- sowie Konzentrationsschwierigkeiten entgegenzuwirken.

Das Buch erschien in Deutschland im selben Jahr, in dem das Projekt stattfand, so dass weder die Kinder noch die Eltern oder andere Erzieher die Geschichte bereits kannten. Das  Projekt konnte beweisen, dass auch völlig unbekannte Texte schnell erlernt, verstanden und integriert werden können. Es ist davon auszugehen, dass wenn ein unbekannter Text mit dieser Methode derart gut und schnell vermittelt werden kann, es mit anderen Texten ebenfalls funktioniert. Die Bibel verbindet alle Konfessionen und hat die europäische Kultur maßgeblich beeinflusst. Der Koran, Texte des Konfuzius und andere kulturprägende Texte könnten in Verbindung mit dieser Methode helfen unterschiedliche Kulturen zu erschließen. Die Texte, die religiösen Feiertagen zu Grunde liegen, könnte man mit Kindern an Hand dieser Methode erschließen und auf diese Weise für sie einen reellen Bezug zu der jeweiligen Kultur herstellen.
Verständnis füreinander ist ein guter Nährboden für fruchtbare Beziehungen, die jede Gesellschaft braucht, um dauerhaft zu überleben. Kleine Menschen sollen stark gemacht werden für ihr Leben in einer Welt, die vor allem von Veränderung geprägt sein wird. Schaut man nur 50 Jahre zurück, fällt auf, dass sich die Lebenswelt des Einzelnen mit zunehmendem Tempo verändert. Nur in sich gefestigte Menschen können unter diesen Umständen ihren Weg erkennen und gehen.